{"id":265,"date":"2015-11-21T15:23:40","date_gmt":"2015-11-21T14:23:40","guid":{"rendered":"http:\/\/heidenstammtisch-trier.de\/?p=265"},"modified":"2015-11-21T15:23:40","modified_gmt":"2015-11-21T14:23:40","slug":"warum-ich-mich-nicht-asatruar-nenne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heidenstammtisch-trier.de\/treverer\/2015\/11\/21\/warum-ich-mich-nicht-asatruar-nenne\/","title":{"rendered":"Warum ich mich nicht \u00c1satr\u00faar nenne"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Das germanische Heidentum ist vielschichtig und es verbirgt sich hinter unterschiedlichen Namen. Im Internet und der g\u00e4ngigen Lekt\u00fcre gibt es zahlreiche sehr gute Erl\u00e4uterungen hierzu, insbesondere zu \u00c1satr\u00fa. Daher werde ich das nicht weiter vertiefen. Auch ein gro\u00dfer Teil unserer Gruppe rechnet sich wohl eher dieser Sparte zu. Dieser Artikel versucht nun allerdings etwas abseits zu graben und aufzuzeigen warum die Bezeichnung \u00c1satr\u00fa f\u00fcr mich keine prim\u00e4re Rolle spielt, ich mich aber dennoch einen germanischen Heiden nenne. Ich schneide dabei Dinge an welche meiner Meinung nach h\u00e4ufig \u2013 wenn auch unbeabsichtigt \u2013 von vielen Heiden und Nichtheiden unbeachtet bleiben, aber dennoch interessant zu wissen sind. Wie es mit der eigenen Meinung so ist, sind die folgenden Aussagen mitunter nicht f\u00fcr jedermann g\u00fcltig; sollen viel mehr zum Mitdenken anregen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Jeder Heide welcher seine Religion nicht ausschlie\u00dflich esoterisch auslebt, versucht sich Informationen zu beschaffen wie sie anno dazumal ausgelegt und ausgelebt wurde. Ein Gro\u00dfteil der Heiden bezieht sich dabei meiner Meinung nach \u00fcberwiegend auf skandinavische oder isl\u00e4ndische Hinterlassenschaften und bezeichnet sich daher als \u00c1satr\u00faar. Zugegebenerma\u00dfen ist die Quellenlage in diesem Teil Europas verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut. Weniger Heiden beziehen sich auf kontinentalgermanische Bereiche oder evtl. auch angels\u00e4chsische. Hier trifft man h\u00e4ufiger auf den Begriff der Firnen Sitte \u2013 welcher den Kult und die Gebr\u00e4uche unserer vorchristlichen Ahnen bezeichnet \u2013 beziehungsweise die Selbstbezeichnung Firnleute. Im Vergleich zum Norden ist die Quellenlage allerdings katastrophal sowohl Mythologie, Kult, wie auch t\u00e4gliches Leben betreffend. Dazwischen gibt es sicherlich auch eine Gruppe welche aus beiden Teilen Informationen abzieht und weniger lokal fixiert ist. Dies ist in unserer Stammtisch- und Blozgruppe nicht anders. So viele Gesichter, so viele Meinungen gibt es.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich pers\u00f6nlich versuche beim Ausleben meiner Religion einen starken lokalen Bezug zu schaffen, habe aber auch ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis nach Rekonstruktion, Authentizit\u00e4t und Vernunft. Das f\u00e4ngt bei Kleinigkeiten an, indem ich versuche statt (alt)nordischen althochdeutsche (bzw. dialektische) Begrifflichkeiten zu verwenden: ich sage nicht Bl\u00f2t oder Thor oder Frigg sondern Bloz und Donar und Fria. Es geht aber nat\u00fcrlich noch viel weiter: bei jedem religi\u00f6sen Inhalt muss ich die \u00dcberlegung anstellen ob er f\u00fcr mich echt \u2013 also lokal relevant und tats\u00e4chlich heidnisch \u2013 ist, heute \u00fcberhaupt noch auslebbar \u2013 man denke an heutige humanistische Ethik \u2013 ist oder wenigstens plausibel erscheint und ob er mit meiner naturalistischen Weltanschauung einhergeht, also nicht im Jenseits und Unbeweisbarem schwelgt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"_GoBack\"><\/a> Dar\u00fcber hinaus ergibt sich f\u00fcr mich ein massives Quellenproblem. Es gibt schlichtweg kaum erhaltene Nachweise f\u00fcr ein praktisches germanisches Heidentum au\u00dferhalb Skandinaviens, geschweige denn in der Eifel oder der Region Trier. In meiner Heimat kommt noch hinzu, dass die historische Bev\u00f6lkerung bis zur Zeitenwende \u2013 sp\u00e4testens aber der V\u00f6lkerwanderung \u2013 wohl eher Kelten und R\u00f6mern zuzurechnen war als denn Germanen. Abgesehen davon ist gerade die r\u00f6mische Kaiserstadt Trier ein Brennpunkt des christlichen Glaubens geworden und die sp\u00e4ter ans\u00e4ssigen germanischen Franken wohl eher nicht als Heiden zu bezeichnen. Einzelne potentielle Eifeler Heidenh\u00f6fe \u2013 um nicht von Hinterw\u00e4ldlern zu sprechen \u2013 sind erst recht d\u00fcnn dokumentiert. Diese Region ist also \u00fcber einige hundert Jahre hinweg einem starken Nebeneinander und Nacheinander ausgesetzt gewesen, was es unm\u00f6glich macht von einer vermeintlichen einheitlichen Religion unserer Ahnen zu sprechen. Historisch gesehen macht die Bezeichnung \u00c1satr\u00fa also keinen Sinn, abgesehen davon, dass sie ein Neologismus aus dem 19. bzw. 20. Jahrhundert ist. Da die Bezeichnung Firne Sitte tats\u00e4chlich historisch zur Abgrenzung vom Christentum verwendet wurde und nicht auf einen bestimmten Kult fixiert ist, mag sie etwas neutraler sein. Man vergleiche auch den nicht un\u00e4hnlichen r\u00f6mischen Mos Maiorum (lateinisch f\u00fcr \u201eSitte der Vorfahren\u201c).<\/p>\n<p align=\"justify\">Doch warum verfolge ich dann ausgerechnet ein eher germanisch gepr\u00e4gtes Heidentum wo doch kaum ein heidnischer Germane hier lebte? Zum einen einfach weil ich mich dazu hingezogen f\u00fchle, rein aus dem Bauch heraus, ganz irrational; es f\u00fchlt sich richtig an. M\u00fcsste ich es dennoch mit dem Kopf erkl\u00e4ren, dann k\u00f6nnte ich diverse Gr\u00fcnde vorbringen. Zusammenfassend sind es diese vier; wobei sich zwei auf das Heidentum allgemein und zwei auf Firne Sitte im Konkreten konzentrieren:<\/p>\n<p align=\"justify\">Erstens habe ich das Bed\u00fcrfnis mich vom Christentum abzugrenzen. Der christliche Anspruch auf Absolutheit und der vorherrschende Dogmatismus stehen f\u00fcr mich in starkem Widerspruch zu kultureller Vielfalt, Entwicklungsf\u00e4higkeit und demokratischen Werten. Ich habe teils erhebliche Probleme einer christlichen Moralvorstellung oder gottgegebenen Dingen in den Ausf\u00fchrungen anderer zu folgen. Die harsche Unterscheidung in Gut und B\u00f6se, in moralisch wahr und moralisch falsch mag zwar einige Dinge im Leben einfacher machen, entspricht aber meiner Erfahrung nach nicht der Realit\u00e4t, ganz davon abgesehen, dass sie die Menschheit vor erhebliche ethische Probleme stellt. Das menschliche Handeln ist \u00fcberaus komplex und ambivalent und ben\u00f6tigt daher einen entsprechend komplexen Spiegel.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zweitens bieten im Gegensatz dazu gerade vorchristliche, heidnische Religionen aufgrund ihrer d\u00fcnnen Quellenlage die M\u00f6glichkeit zur Interpretation und Freiheit. Das mag f\u00fcr den ein oder anderen zur Willk\u00fcr verleiten. F\u00fcr mich ist es aber Grundlage f\u00fcr individuelle Glaubensvorstellungen innerhalb einer Religion ohne dabei den gemeinsamen Kult zu verlassen. Dar\u00fcber hinaus zeigen die belegten \u00dcberbleibsel in den seltensten F\u00e4llen Anzeichen f\u00fcr Absolutheitsanspr\u00fcche, Dogmatismus oder zwingend zu befolgende g\u00f6ttliche Weisungen. Sie sind sogar so frei, dass sie erlauben, ein naturalistisches, aufgekl\u00e4rtes Welt- und Gottesverst\u00e4ndnis zu praktizieren ohne in Widerspruch mit sich selbst zu geraten. Selbst die Religionskritik von Humanismus und Atheismus ist auf ein Heidentum wie ich und andere es leben nicht anwendbar. Dies haben bereits antike Philosophen erkannt. Es ist aber leider in den K\u00f6pfen weniger verblieben und hat nie den Weg in die Gedanken der breiten Masse geschafft.<\/p>\n<p align=\"justify\">Drittens war und ist das was sich an heidnischem Rest \u2013 jeweils bezogen auf die jeweilige Region \u2013 in unsere heutige Zeit gerettet hat, Bestandteil unserer Kultur geworden und hat daher einen unbedingten Erhaltungswert. Man denke an Sagen und M\u00e4rchen, an Brauchtum und Ausgrabungen vergangener Zeiten. Gerade die Firne Sitte beinhaltet eine tiefe Erinnerungskultur \u00fcber zwei Ebenen hinweg: \u00fcber Individuen der pers\u00f6nlichen Ahnenreihe aber auch \u00fcber gesellschaftliche, \u00fcberpers\u00f6nliche Leistungen und Geschichten. Das Wissen \u00fcber die vergangene Kultur und Natur erm\u00f6glicht es uns, unser heutiges und zuk\u00fcnftiges Leben zu definieren. So gibt es einige germanische \u2013 aber nat\u00fcrlich nicht ausschlie\u00dflich \u2013 Bestandteile, beispielsweise von sprachlicher Gestalt, welche wir durch die fr\u00e4nkische, in unsere heutige Kultur mitgenommen haben. Und \u00fcber diese Kulturbestandteile besteht wiederum eine Verbindung zu den antiken heidnischen V\u00f6lkern meiner Heimat.<\/p>\n<p align=\"justify\">Viertens sprechen mich einige Konzepte der germanischen Gesellschaft \u2013 die Firne Sitte als religi\u00f6ser Ausdruck ist hiervon eigentlich nicht zu trennen, sondern war immer Bestandteil der Gemeinschaft \u2013 und der Mythologie besonders an. Nat\u00fcrlich sind diese wiederum \u00fcberwiegend in nordischen Quellen belegt, aber es finden sich auch Ankl\u00e4nge in s\u00fcdgermanischen \u00dcberlieferungen. So ist das Schicksal eines Menschen nicht vorbestimmt, und eben doch nicht frei w\u00e4hlbar. Stattdessen bewegen sich Individuen und Kollektive in einem Schicksalsnetz; sch\u00f6pfen dabei ihr eigenes Heil, leben aber unter den Bedingungen die sie und andere schaffen. Sie stehen damit sogar im Einklang aktueller Hirnforschung. Die Erinnerungskultur habe ich bereits in Punkt drei angesprochen. Dar\u00fcber hinaus zeichnen sich sowohl die Menschen- wie auch die G\u00f6tterwelt durch einen recht starken Pragmatismus aus; man ist sich der eigenen Ambivalenz bewusst. So gibt es dann auch keine Erbs\u00fcnde oder ein Erl\u00f6sungsbed\u00fcrfnis sondern nur eine \u201eS\u00fcnde\u201c gegen\u00fcber einer durch die Gemeinschaft aufgestellten Moral. Durch die Nichtexistenz des objektiv Negativen, wie des objektiv Positiven ist das germanische Denken damit auch erstaunlich kompatibel zu evolution\u00e4r-humanistischer Ethik.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und so kommt es, dass sich meine Gedanken und meine Gebete in althochdeutschen Begriffen und Stabreimen ausdr\u00fccken, die von mir verehrten und betrachteten Gottheiten durch ihre Lokalit\u00e4t aber keinen Hehl daraus machen, dass sie nicht zwangsl\u00e4ufig germanischen Ursprungs sind. Und dennoch waren und sind sie hier heimisch. Ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr diese Vielfalt sind die f\u00fcr mich besonders wichtigen Matronen; die Mutterg\u00f6ttinnen keltisch-germanischen Typus aus der Nordeifel, welche aber insbesondere durch den r\u00f6mischen Votivkult \u00fcberliefert sind und selbst bis heute von Katholiken regelm\u00e4\u00dfig besucht und verehrt werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zur weiteren Lekt\u00fcre empfehle ich den Blog einer Mos Maiorum Gruppe in der Nordeifel \u00fcber eine etwas andere Religion unserer Ahnen (<a href=\"http:\/\/www.incipesapereaude.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Mos Maiorum &#8211; Der R\u00f6mische Weg<\/a>), B\u00fccher \u00fcber die Unterscheidung von Gut und B\u00f6se (bspw. \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201c vom humanistischen Philosophen Michael Schmidt-Salomon), sowie das Buch welches mir schlussendlich gezeigt hat, dass ich ein Heide bin: \u201eAufgekl\u00e4rtes Heidentum\u201c vom Vorsitzenden des Eldaring e.V. Andreas Mang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das germanische Heidentum ist vielschichtig und es verbirgt sich hinter unterschiedlichen Namen. Im Internet und der g\u00e4ngigen Lekt\u00fcre gibt es zahlreiche sehr gute Erl\u00e4uterungen hierzu, insbesondere zu \u00c1satr\u00fa. Daher werde ich das nicht weiter vertiefen. Auch ein gro\u00dfer Teil unserer Gruppe rechnet sich wohl eher dieser Sparte zu. 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